Light up Ball

Ein Ballabend und soziale Teilhabe: Von Musik, Tanz und Gesellschaft

Gastbeitrag von Nelly Langelüddecke vom Light up Team

In den Gesprächen, die man mit Menschen mit Behinderung führt, wird oft genug deutlich, dass sie sich in Unterhaltungen und im Alltag unserer Gesellschaft oft auf ihre körperlichen oder anderweitigen Einschränkungen reduziert sehen. Die einschlägige Mehrheitsmeinung scheint zu sein, dass die Diagnose und der scheinbar schwer zu ertragene Alltag des „Betroffenen“ einer gehörigen Portion Mitleid bedarf. Und nicht selten wird die Einstellung des Sprechers deutlich, die sich in (gedachten) Worten etwa so ausdrücken lässt: „Zum Glück hat es mich oder meine Kinder nicht getroffen!“. Über soziale Teilhabe im Besonderen und einen Ball, der sie vorantreiben will.

Behinderung als Defizit?

Diese sich auf das Defizit konzentrierende Sichtweise greift in vieler Hinsicht zu kurz. Zu oft werden Behinderungen von ihrer rein medizinischen Sichtweise aus betrachtet. Der Ansatz ist dann der, dass ein „Ungesundheitszustand“ behandelbar sein muss und das Individuum geheilt werden könne. Hiermit wird indirekt die Nachricht transportiert, dass das Individuum sich der Mehrheitsgesellschaft angliedern sollte. Da das Verständnis existiert, dass eine Heilung in manchen Fällen unmöglich ist, wird eben mit Mitleid reagiert anstatt sich weitergehende gesellschaftlich relevante Fragen zum Thema zu stellen. Ist wirklich die Behinderung das Problem des behinderten Menschen oder nicht viel eher die behindernden Einschränkungen, mit denen er im Alltag konfrontiert wird? Sei es die mangelnde Barrierefreiheit an Bahnhöfen, die Rollstuhlfahrer teils vor unlösbare Aufgaben stellt, sei es die Diskriminierung auf dem oder aber die mangelnde Möglichkeit sozialer Teilhabe an Veranstaltungen.

Es fehlt der Austausch

2009 ist das sogenannte Übereinkommen der Vereinten Nationen der Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN BRK) ratifiziert worden. Auch Deutschland hat sich zu dessen Umsetzung verpflichtet. Dennoch hat sich weder in der öffentlichen Debatte noch auf privater Ebene diese Logik durchgesetzt. Behinderung wird weiterhin als Problem und Defizit empfunden. Auch hier zeigt sich, dass die mangelnden Schnittstellen des Alltags von behinderten und nicht-behinderten Menschen ein Hindernis darstellt, diese vorherrschende Ansicht über Bord zu werfen. In den Lebenswegen behinderter und nicht-behinderter Menschen finden kaum Berührungspunkte statt. Meist arbeiten behinderte Menschen eben nicht auf dem regulären Arbeitsmarkt, sondern in Werkstätten, an die die betreuten Wohngruppen gleich angegliedert sind. Im Idealfall liegen diese Wohneinheiten schlecht angebunden am Stadtrand, wenige Betreuer müssen sich um eine große Anzahl an zu Betreuenden kümmern, sodass gemeinsame soziale Aktivitäten nicht den gewünschten Austausch außerhalb der eigenen Gruppe fördern. Man suche nach den Punkten im Leben eines behinderten Menschen, wo es überhaupt möglich wäre, Freundschaften mit nicht-behinderten Mitmenschen zu knüpfen.

Ein Beispiel für gelungene Interaktion

Gegenbeispiele gibt es. Seit Ende der 90er Jahren existiert ein Feriencamp der Johanniter für behinderte Menschen, das in einer Woche der hessischen Sommerferien durchgeführt wird. Die Idee des Lagers ist es, den rund 25 Teilnehmern eine Woche Urlaub zu ermöglichen. Unsere Zeit ist gespickt mit Tagesausflügen, therapeutischem Reiten, Workshops und anderen gemeinsamen Aktivitäten – ob am Lagerfeuer oder in der gemeinsamen Disko. Die Gemeinschaft steht generell die die ganze Woche über im Vordergrund. Nach dieser Zeit befällt uns alle die sogenannte „Post-Lager-Depression“ (PLD). Auch wir Betreuer fallen nach dieser unfassbar eindrücklichen und auch anstrengenden Woche in ein Loch. Durch diese besondere zwischenmenschliche Verbindung und das Strahlen, welches man spätestens nach Überwindung von Heimweh und Co. ringsherum sehen kann, entstanden über die Jahre hinweg besondere Freundschaften. Zwischen einigen Gästen und Betreuern haben sich sehr starke Bande gebildet.

Der Light Up Ball in Frankfurt

Aus genau dieser Erfahrung und der Erkenntnis, dass soziale Teilhabe für behinderte Menschen immer noch schwierig zu erlangen ist, haben wir vier Lager-Freundinnen es sich zur Aufgabe gemacht, mit einem Ball für behinderte Menschen und ihre Begleitpersonen ein einzigartiges Erlebnis zu schaffen. Ausgangsproblematik ist, dass vor allem an Förderschulen meist kein Abschlussball stattfindet. Unser „Light Up Ball“ fand das erste Mal 2012 in Frankfurt statt und verfolgte das Ziel, diese Lücke zu schließen. Kleine Veränderungen in der Durchführung hat es gegeben, 2018 sind wir zum Beispiel in einer neuen Location. Dennoch ist die Idee die gleiche: Spaß bei Musik und Tanz, gemeinsames Essen und viele kleine Highlights; alles mit dem Ziel, Lächeln auf den Gesichtern zu kreieren. Was für den Musiker der Applaus ist, sind für und glückliche Gesichter. Hier sind einige Eindrücke vom letzten Ball:

Sicherlich ist unser konkreter Bezug zu den Themen „Behinderung“ und soziales Miteinander das Produkt unseres Aufwachsens mit eben jenen. Natürlich gibt es Menschen wie uns, die nicht mal auf die Idee hätten kommen können, Berührungsängste aufzubauen.
Doch was ist mit denen, die sich schlicht keine Gedanken über die Barrieren machen, an die behinderte Menschen in ihrem Alltag in unserer Gesellschaft geraten? Wie erreichen wir sie? Ist die Thematik überhaupt Teil der gesellschaftlichen Debatte? Und wie soll ein Ball dazu beitragen können, dass das Thema auf die Agenda gesetzt wird?

Es braucht eine breite gesellschaftliche Debatte

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Egal wie man aussiehst, welche Sprache man spricht oder ob man eine Behinderung hast. Die sollte eigentlich selbstverständlich sein. Auch wenn unsere Gesellschaft sich in der Umsetzung dessen schwertut, können einzelne Projekte zur Sichtbarkeit behinderter Menschen im öffentlichen Raum beitragen. Bei unserem Ball geht es nicht primär darum, ein Inklusions-Event in Reinform zu schaffen, sondern unseren Gästen mit dem Ballabend den gleichen Zugang zu Tanz und Musik zu ermöglichen wie ihren „gesunden“ Mitmenschen. Und das einfach, weil eine „medizinische Einschränkung“ nichts mit der Lust auf Musik und Tanz zu tun hat. Unser Ball steht für den Spaß an der guten Sache und den Spaß an Partys.

Ich bin davon überzeugt, dass viele kleine Projekte es schaffen, einen neuen Ton in den hintersten Winkeln der Republik zu schaffen. Vielleicht steckt in einem Menschen, der sich an den verbreiteten Beleidigungen „Behindi“ oder „Spasti“ nicht stört, ein heimlicher, es nur noch nicht auslebender Ehrenamtler. Vielleicht muss man unentdeckte menschliche Ressourcen nur finden und sie zum Leben erwecken.
Auf dass viele Kreative sich engagierte Aktionen ausdenken und mit ihnen zum Fortschritt einer gesellschaftlichen Debatte beitragen! Und wenn wir Blogger, „Eventmanager“ und andersgeartete Ehrenamtler nur der Ausgangspunkt sind: Vielleicht sind wir Inspiration für andere, es uns gleichzutun und den gesellschaftlichen und medialen Tonus zu verändern.

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Über vonwegenbehindert

Dies ist der Blog von und für Klienten einer Behinderteneinrichtung im Süden der Republik. Es ist ein Versuch, eine Plattform zu schaffen die in erster Linie Menschen mit einer geistigen Behinderung und deren Unterstützer nützen sollen. Ob´s klappt .... ????
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